Studienzentrum Vogelsberg eingeweiht: Weitblick und viel frische Luft

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  • Dezember 01, 2017

neuraum_p046_E01Großer Bahnhof bei der Einweihung des Studienzentrums Vogelsberg (von links): Bauherr Norbert Jäger, Vize-Landrat Dr. Jens Mischak, Bundestagsabgeordneter Michael Brand, IHK-Präsident Rainer Schwarz, Dr. Walter Beck von der Steinbeis-Universität, Architekt und Fördervereinsvorsitzender Stephan Mölig, Norbert Lautenschläger von der Volksbank Lauterbach-Schlitz und Lauterbachs Rathauschef Rainer-Hans Vollmöller. (Foto: neuraum)

LAUTERBACH – 20.11.2017

Bauherr Norbert Jäger lässt Vision Wirklichkeit werden

Großer Bahnhof in Lauterbach: Vertreter aus Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben nahmen an der feierlichen Eröffnung des „Studienzentrums Vogelsbergkreis“ teil. Studieren in Lauterbach ist nun keine Vision mehr, sondern Dank des Unternehmers Norbert Jäger und weiterer Mitstreiter bald Realität. Schon ab Anfang des kommenden Jahres sollen im ehemaligen Amtsgerichtsgebäude in der Königsberger Straße die ersten Seminare und Vorlesungen stattfinden. Träger des Studienzentrums ist der Förderverein Bildung, Wissenschaft und Forschung im Vogelsbergkreis, der mit dem Steinbeis Center of Management and Technology (SCMT) kooperiert und dessen School of Management and Technology (SMT) die Seminare und Vorlesungen veranstaltet.

„Hinterher ist man immer schlauer“, bemerkte Hausherr Norbert Jäger beim Festakt im neuen Hörsaal, der früher als Sitzungssaal des Amtsgerichtes diente, und blickte auf das Projekt zurück, das er in den vergangenen rund zwei Jahren mit viel Tatkraft zusammen mit seinem Architekten Stephan Mölig gemeistert hat. Jäger hatte das seit Ende 2011 leerstehende alte Amtsgerichts-Gebäude vor rund zwei Jahren gekauft, um darin eine Hochschule zu etablieren. Von der Idee bis zur Umsetzung war es ein langer Weg für den Unternehmer, der sich mit dem „vorliegenden Ergebnis sehr zufrieden“ zeigte. Jäger, der einst selber seinen Master an der Steinbeis Hochschule in Berlin absolviert hatte, betonte, dass mit dem Umbau des alten Amtsgerichts zum Studienzentrum ein Spagat gelungen sei zwischen Tradition und Moderne. Die Einrichtung solle eine Brücke sein für Unternehmen, die ihnen Orientierung und Hilfe auf dem Weg in die Zukunft geben solle. Bildung sei der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft. Ihm und auch den anderen Mitgliedern der Unternehmerinitiative sei es wichtig gewesen, das Wagnis einer unbekannten Zukunft einzugehen. Entstanden sei die Idee einer Hochschulausbildung im Vogelsberg durch einen Vortrag im IHK-Regionalausschuss. Gefunden hätten sich fünf weitere Unternehmer, die sich der gesellschaftspolitischen Verantwortung stellen wollten, erinnerte Jäger.

Die Breitbandversorgung in der Region ordnete er in die Kategorie Marktversagen ein. Möglicherweise lasse sich das unrühmliche Verhalten der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) und der FH Fulda in die Kategorie des Staatsversagens einordnen, befand Jäger und bezog sich damit auf den Umstand, dass die zunächst geplante Kooperation mit der THM am Widerstand der FH Fulda gescheitert war, die das Zustandekommen und somit auch die Förderung des Projektes mit Landesmitteln über die politische Schiene verhindert hatte. Dem Bedürfnis einer Region sei hier nicht entsprochen worden. Mit der privaten Steinbeis Hochschule sei ein Partner gefunden worden, der sich an den Bedürfnissen orientiere. Doch das habe auch seinen Preis. Denn gute Ausbildung sei nicht immer kostenlos, betonte Jäger und übte Kritik am öffentlichen Bildungssystem, das viele Studenten anlocke, die hier eine kostenlose Ausbildung an den Universitäten absolvierten und dann Deutschland verließen, um anderswo mehr Geld zu verdienen. Das könne nicht richtig sein. Für den Vogelsbergkreis wünschte er sich im stärker werdenden Wettbewerb der Regionen mehr Eigeninitiativen: „Wir müssen die Interessen unserer Region stärker vertreten, auf andere Unterstützer zu hoffen, ist meist vergebens. Wir müssen unsere Kräfte bündeln und vereint handeln“, forderte er, denn das belegten die Erfahrungen in Sachen Breitbandausbau und der Hochschulinitiative.

Der Förderverein Bildung, Wissenschaft, Forschung, der sich aus der Unternehmerinitiative heraus gegründet hat, habe für eine Anschubfinanzierung für die kommenden drei Jahre gesorgt. „Danach wird es Aufgabe aller Vogelsberger sein“, kündigte er an und dankte allen Unterstützern, die dazu beigetragen hätten, den „tollen Stadtbaustein“ zu realisieren, der schon durch seine Architektur symbolisch für den gewollten Weitblick stehe.

Norbert Lautenschläger, der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Lauterbach-Schlitz und Mitglied des Fördervereins, blickte auf den Entstehungsprozess des Studienzentrums zurück und würdigte Norbert Jäger als Hauptinitiator. Nachdem die öffentlichen Hochschulen bezüglich eines Engagements in Lauterbach abgewunken hätten, habe man mit Steinbeis einen guten Partner gefunden. Ein von der Unternehmerinitiative mit 500 000 Euro gefüllter Topf und Fördermittel von Vogelsbergkreis, Sparkasse und OVAG stünden für den Betrieb des Studienzentrums zur Verfügung.

Eigentlich habe er viel über den Umbau des Gebäudes und seine Architektur erzählen wollen, erklärte Architekt und Fördervereinsvorsitzender Stephan Mölig. Doch nachdem er auf einer Autofahrt im Radio das Lied „Ich brauch‘ frische Luft“ von Vincent Weiß gehört habe, habe er sich umentschieden. „Ich brauch‘ frische Luft, damit ich wieder bisschen atmen kann, irgendwo sein, wo ich noch niemals war, nehm‘ meine Jacke und lauf‘ einfach los…“, zitierte Mölig. Genau das habe Jäger mit der Realisierung des Projekts getan. Die Jacke angezogen, um frische Luft zu atmen. „Lassen Sie uns alle frische Luft atmen“, rief er auf, mutig etwas Neues zu wagen. Das umgebaute Amtsgericht bezeichnete er als städtebauliche Bereicherung für Lauterbach und den Vogelsberg.

Dr. Walter Beck, Direktor des Steinbeis Center of Management und Technology, stellte den Festgästen die Chancen des Projekt-Kompetenz-Studiums seiner privaten Hochschule vor. Ein Modell, das ohne Unternehmer nicht funktionieren könne. Im Rahmen dieses Studiums würden ein Projektvertrag und ein Studienvertrag abgeschlossen. Hinter jedem Lauterbacher Studenten stehe ein Unternehmen, bei dem dieser angestellt ist und das sich dessen dreijährige Ausbildung an der privaten Hochschule rund 21 600 Euro kosten lassen wird. Im Unterschied zum Dualen Studium biete das Lauterbacher „Projekt-Kompetenz-Studium“ dem Studenten während der gesamten Ausbildungszeit ein konkretes Projekt, an dem er arbeite und das einen Mehrwert für das Unternehmen generiere, der, so zeige die Praxis, das in die Ausbildung investierte Geld um ein Vielfaches übersteige. Darüber hinaus biete das Konzept auch die Möglichkeit, Studenten von außerhalb in den Vogelsberg zu holen. „Das Unternehmen tritt mit einer ganz konkreten Projektidee an uns heran und sucht einen Kandidaten, den wir dann aus unserem bundesweiten Pool vermitteln können“, beschrieb Beck die Möglichkeiten, jungen Leuten aus der Region heimatnah ein Studium zu ermöglichen oder aber Fachkräfte von morgen in die Region zu holen und durch gute Jobs hier zu halten. Ausdrücklich dankte Beck der Unternehmerinitiative und wünschte sich, dass der zunächst für drei Jahre sichergestellte Studienbetrieb in Lauterbach auch lange Zeit darüber hinaus laufen werde.

Dem Festakt schlossen sich Grußworte (siehe unten) und Vorträge für interessierte Unternehmen, potenzielle Studenten und die Öffentlichkeit an. Am Sonntag konnte das Studienzentrum bei einem Tag der offenen Tür von der Öffentlichkeit besichtigt werden. Der Andrang war riesig, viele hundert Besucher nutzten das Angebot.

GRUSSWORTE
Der Vogelsberger Erste Kreisbeigeordnete Dr. Jens Mischak lobte, dass die Vision des Studierens in Lauterbach Wirklichkeit geworden sei. Das Studienzentrum biete Bildung für junge Menschen vor Ort und stärke die Region. Es sei ein Leuchtturm in der Bildungslandschaft, der durch die Teilnahme möglichst vieler Unternehmer nun zum Blinken gebracht werden müsse. Mit 180 000 Euro unterstütze der Kreis das Projekt in den nächsten drei Jahren und habe als Mieter außerdem die Wirtschaftsförderung hier angesiedelt, um dem Gebäude weiteres Gewicht als „Haus der Wirtschaft“ zu verleihen.

Rainer Schwarz, der Präsident der Industrie- und Handelskammer Gießen-Friedberg, lobte die Willenskraft und Ausdauer Norbert Jägers. Der ländliche Raum habe Zukunft. Das Studienzentrum sei ein weiterer Anker für Qualifizierung und Bildung für die Menschen vor Ort.

Lauterbachs Bürgermeister Rainer-Hans Vollmöller beglückwünschte den Bauherrn für dessen Beharrlichkeit, eine anfangs utopisch erscheinende Idee trotz mühsamen Wegs umzusetzen und bezeichnete ihn als einen der Menschen, die fest an die Region glaubten. Bildung habe in Lauterbach schon ab dem Mittelalter eine hohe Bedeutung gehabt. Mit dem Studienzentrum werde eine weitere wichtige Bildungseinrichtung hinzugefügt. Für die Stadt übergab er eine Beitrittserklärung zum Förderverein.

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