„L4“ Stadtentwicklung: Abriss – und ein bisschen Wehmut

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  • März 27, 2017

neuraum_p054_14Das Haus „Löbersgasse 1“ wird abgerissen (Foto: Kempf)

LAUTERBACH – 21.03.2017

Haus in der Löbersgasse 1 verschwindet / Stellplätze und Neubau in der Hainigstrasse entstehen

(von Claudia Kempf) Irgendwann wäre es vielleicht umgefallen, das windschiefe Häuschen „Löbersgasse 1“, in dem bis vor einigen Monaten verschiedene Damen dem ältesten Gewerbe der Welt nachgingen. Nachdem die Baufälligkeit inzwischen durch zwei Gutachten amtlich bescheinigt ist, durfte Investor Gustav Stabernack nun mit den Abrissarbeiten beginnen.

Am Montag starteten die Abbrucharbeiten durch ein Fachunternehmen. Mit schwerem Gerät rückte die Firma Zylowski an, deren Mitarbeiter zunächst im Inneren begannen, die verschiedenen Baustoffe getrennt voneinander zu entsorgen, bevor sich der große Bagger dann am Mauerwerk zu schaffen machte. „Am Dienstag wird von dem Haus nicht mehr viel zu sehen sein“, zeigte sich vor Ort an der Baustelle Architekt Stephan Mölig überzeugt.

An dessen Stelle werden künftig fünf Autostellplätze geschaffen, die dann zum „L4“-Ensemble gehören. Nach der Winterpause laufen die Bauarbeiten für das jüngste Projekt des Lauterbacher Investors Gustav Stabernack inzwischen wieder auf Hochtouren. Für das Ensemble, das nach seiner Fertigstellung ein weiterer attraktiver Stadtbaustein sein wird, waren im Spätsommer des vergangenen Jahres bereits die baufälligen Häuser in der Hainigstraße 8 und 10 sowie der Saalbau der ehemaligen Gaststätte „Keutzer“ abgerissen worden. Insgesamt zwölf Wohnungen entstehen im ehemaligen Gasthof und dem sich anschließenden Neubau. Kein leichtes Unterfangen sind die Arbeiten, da der Baugrund die Arbeiter der Firma Metzendorf vor besondere Herausforderungen stellt.

„Die langjährigen Auswirkungen des ehemaligen Schwemmlandes der Lauter fordern unter den Gebäuden eine nachhaltige Ertüchtigung. Bei der Gründung für den L4-Bau fand man erst ab drei Metern Tiefe sicheren Baugrund“, berichtet Bauherr Gustav Stabernack. So habe auch das alte Haus in der Löbersgasse 1 – von zwei Gutachten der Denkmal- und Baubehörde bestätigt – durch die starke Neigung auf die schmale Gasse umzufallen gedroht. „Aus der Vertikalen hat Architekt Mölig über 40 Zentimeter Neigung festgestellt, sodass ohne Abrissgenehmigung unbedingt Stützungsmaßnahmen zur Standsicherheit hätten vorgenommen werden müssen“, betont Stabernack.

Zwecks Erhalt der Altstadt-Ansichten habe die Denkmal- und Baubehörde ihn gebeten, anstelle des baufälligen Gebäudes einen Neubau an der Hainigstraße zu errichten. Dazu habe der Architekt bereits Vorschläge erarbeitet. „Damit ergeben sich insgesamt – durch die Zusammenlegung von Kleinwohnungen zu größeren Einheiten – zusammen mit dem zusätzlichen Neubau als L4-Ensemble zwölf hochmoderne altersgerechte Wohnungen in dieser wunderbaren zentralen Altstadtlage“, freut sich Stabernack.

Und natürlich seien auch – um die Baugenehmigung zu erhalten – entsprechend viele Auto- und Fahrrad-Stellplätze in den Plänen berücksichtigt. Und Stellplätze in der Altstadt würden in der Zukunft immer wichtiger, betont der Investor. „Die weitere Stadtentwicklung in Lauterbach wird den eigenen Parkplatz in der Stadt immer wertvoller machen.“

Einer der vielen Zaungäste, die am Montag die Arbeiten auf der Baustelle verfolgten, war Uwe Zaschel. Immer wieder zückte der Angersbacher sein Handy, um das Verschwinden des kleinen Häuschens im Bild festzuhalten. Denn er verbindet mit ihm so einiges, wie er verriet. Mit zwei Kumpels habe er Ende der 70er Jahre dort zunächst zur Miete gewohnt, sie alle hätten als Zivildienstleistende in der Herbsteiner Schule für praktisch Bildbare gearbeitet. Anfang der 80er Jahre hätten sie das Haus dann gemeinsam gekauft und dort die erste Lauterbacher Wohngemeinschaft aufgemacht. „Das waren Zeiten“, bemerkte er fast ein wenig wehmütig: „1988 haben wir das Gebäude dann an die AWO verkauft, die dort ihre Zivis unterbrachte.“

Wechselvoll ist die Geschichte des mit den Jahrzehnten immer schiefer gewordenen Häuschens, das laut Architekt Mölig um 1800 errichtet worden war. Wer sich in jüngster Zeit hineinwagte, dem konnte ob der niedrigen Decken, schiefen Böden und Wände auch schon mal schwindlig werden. Sein letztes Kapitel ist nun beendet.

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neuraum_p054_15Fachgespräche: Architekt Mölig, ein Mitarbeiter der Fa. Metzendorf, Investor Gustav Stabernack und Bauunternehmer Kurt Metzendorf (Foto: Kempf)