Rathaus-Sanierung: Putz statt Fachwerk

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  • November 16, 2016

RH_neuraum13Das Gebäude „Marktplatz 12“ ist verputzt worden. (Foto: neuraum)

LAUTERBACH – 16.11.2016

Sanierung von Rathaus und Adolf-Spieß-Halle sowie KIP-Maßnahmen Thema der Stadtverordneten

(bl) Das gute Einvernehmen zwischen Stadtverwaltung und dem Architekten Stephan Mölig bei der Umsetzung von Maßnahmen aus dem Kommmunalen Investitionsprogramm (KIP), und hier besonders bei den beiden Großprojekte Rathaus und Adolf-Spieß-Halle, ist bei der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Bau, Planung und ländlichen Raum sehr gelobt worden.deutlich wurde auch welch‘ hohes Maß an bürokratischem Aufwand nötig ist, da für jede einzelne Maßnahme ein Exposé samt Verwendungsnachweis angelegt werden muss, das die zuständigen Stellen bei Bund und Land – dem Fördergeber – bekommen.

Projektleiter Jörg Saller vom städtischen Bauamt und Architekt Stephan Mölig informierten die Ausschussmitglieder über den aktuellen Sachstand der einzelnen Maßnahmen. Was das KIP angeht, so stehen in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt 28 Einzelprojekte an, von denen 22 genehmigt sind. In der Hauptsache sind dies unter anderem Arbeiten an 17 Gebäuden und 18 Straßen: Fünf komplette Gebäudesanierungen, zwei energetische Flachdachsanierungen, sechs Heizungsaustausche und die Umstellung der Straßenbeleuchtung in der Kernstadt auf LED.

Was die Rathaussanierung angeht, so sei das Projekt „zu einem Drittel baufertig“, die Adolf-Spieß-Halle zu etwa 20 Prozent und über die Hälfte verwaltungstechnisch abgewickelt. „Die Arbeiten laufen planmäßig; wir liegen jeweils im Kosten- und Zeitrahmen“, sagten Mölig und Saller. Für das Rathaus stand nun zunächst die Suche nach der neuen Farbgebung an, wobei sich ein „rostgelber“ Ton herauskristallisierte, „der sehr freundlich wirkt“. Die größte Herausforderung bei der Adolf-Spieß-Halle seien dagegen unter anderem die Brandschutzauflagen.

Sehr ausführlich befasste sich Mölig mit der Frage, warum das Gebäude Marktplatz 12 nicht wieder mit Fachwerk versehen worden sei. Mölig: „Das Fachwerkgebäude Marktplatz 12 wurde vermutlich im Jahr 1743 vom damaligen Bürgermeister Johannes Schwartz erbaut. Das Gebäude spiegelt eine Phase des strukturellen Wandels wider. Man wollte von der jahrhundertealten Holz- und Lehmbauweise wegkommen, die damals als ‚Arme-Leute-Bauweise‘ galt.“ Als fortschrittliche und wohlhabende Gebäude galten die in Massivbauweise errichteten Häuser, die damals von Handelsleuten erbaut wurden. Diese repräsentativen Gebäude waren laut Mölig Ausdruck von Wohlstand.

Etwa zur gleichen Zeit (1765 bis 67) sei vis à vis das Gebäude Am Markplatz 21 errichtet worden, das die gleichen Gestaltungsmerkmale zeige, dessen Außenwände allerdings in Ziegelbauweise als echter Massivbau errichtet wurden. Viele Merkmale des Fachwerkgebäudes zeugten davon, dass es als massiver Putzbau daher kommen sollte. „Die für die damalige Bauweise großen Geschosshöhen zeugen von Wohlstand. Der Dachstuhl wurde als liegender Stuhl in groß dimensioniertem Eichefachwerk errichtet. Untypisch für die damalige Fachwerkbauweise ist der Verzicht auf Geschossvorkragungen und Fachwerkzierrat. Das giebelseitige Kranzgesims und das Krüppelwalmdach zur Marktplatzseite sind aus der Ursprungsbauzeit unverändert erhalten und zeugen vom damaligen bürgerlichen barocken Baustil“, so Mölig.

Seit der Erbauung habe das Gebäude einige wesentliche gestalterischen Veränderungen erlebt, die immer wieder den aktuellen Zeitgeist widerspiegelten. Nachweislich sei das Haus bis um 1910 verputzt gewesen. Die Gebädueecken seien mit Eckquadern aus Putz betont worden. Der Haupteingang mit seiner massiven Freitreppe habe auf der Marktplatzseite gelegen und direkt zum Kolonialladen geführt, der sich auf der rechten Seite im Ergeschoss befand.

„Erste Aufnahmen um 1930 zeigen das Gebäude auf der Marktplatzseite unverputzt, allerdings mit einer Schindelfassade zur Kirche hin. Ende der 70er Jahre wurde das Haus von der Stadt Lauterbach vom Wohngebäude zum Verwaltungsgebäude umgebaut. In diesem Zuge wurde große Freitreppe abgebrochen und der Haupteingang auf die Kirchenseite verlegt, die Schindelfassade wurde abgenommen und das Fachwerk freigelegt“, erinnerte Mölig.

Die dem Wetter ausgesetzten Eckseite habe bereits 1997 das erste Mal aufgrund von Fachwerkschäden repariert werden müssen. Da es sich bei dem Gebäude um einen der wenigen Fachwerkbauten handelte, die bewusst als Putzbau errichtet wurden, habe man sich bei der jetzigen Gestaltung auf die bauzeitliche Ausdrucksform zurückbesonnen. Mölig:“ Die handwerkliche Kunst lag darin, durch eine unebene und ausdrucksstarke Oberfläche der Putzfassade den alten Charme zurück zu geben. Es wurden traditionelle Materialen wie Kalkputze und Silikatfarben verwendet. Als Putztechnik wurde eine Besenstrichputztechnik angewendet.

„Das Dach besteht aus einem bauzeitlich liegenden Eiche-Dachstuhl mit Ziegeldeckung. Im Laufe der Standzeit des Gebäudes wurden im Dachstuhl einige kleine bauliche Veränderungen durchgeführt, die allerdings die Statik des Dachstuhles nicht unerheblich beinträchtigten. Diese Eingriffe wurden, soweit es möglich war, wieder rückgängig gemacht beziehungsweise die Lastabtragung zimmermannsgerecht hergestellt.“

Die Innenwände seien überwiegend im lehmverputzten Fachwerk ausgeführt und die Geschossdecken als Holzbalkendecken mit Lehmwickel.“ Bei der letzten Sanierung habe man größtenteils Spanplatten mit PVC-Belag auf dielenböden verlegt. Teilweise seien teerhaltige Gußasphaltestriche verwendet worden.

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