Ehemaliges Amtsgericht: „Moderner Stadtbaustein“

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  • September 12, 2016

SAMSUNG CSCDas ehemalige Amtsgericht in der Königsberger Strasse in Lauterbach. Aus dem 60er-Jahre-Bau soll ein hochmodernes Gebäude werden, in dem Hochschule, Büros und Wohnungen untergebracht sind. Fotos: neuraum

LAUTERBACH – 10.09.2016

Norbert Jäger baut das Gebäude um / Investition von rund drei Millionen Euro

(von Claudia Kempf) „Lernen, Leben, Arbeiten“ – so lautet das Motto, das Norbert Jäger für sein ehrgeiziges Bauprojekt „ehemaliges Amtsgericht“ in der Königsberger Straße vorgegeben hat. Von außen betrachtet sieht das Gebäude noch immer so aus, wie seit seiner Schließung Ende 2011. Doch der Eindruck täuscht, die Bauarbeiten im Inneren laufen bereits, das Gebäude ist schon vollständig entkernt.

Ab dem 1. April des kommenden Jahres sollen hier die ersten Studenten an der „Business School of Management and Technology“ ein- und ausgehen und hier ihr Studium zum Verpackungsmitteltechnologen oder Betriebswirt absolvieren. Die Studiengänge sind vielfältig, unterrichtet werden sie von Dozenten der privaten Steinbeis-Universität, die die Unternehmer-Initiative für ihr Projekt „Hochschul-Studium“ in Lauterbach gewinnen konnte (der LA berichtete).

Die Unterschriften unter dem Kooperationsvertrag sind trocken. In der vergangenen Woche hatten Dr. Walter Beck, Direktor der Steinbeis-Universität, und Stephan Mölig, der Vorsitzende des von der Unternehmer-Initiative gegründeten Fördervereins Bildung, Wissenschaft und Forschung im Vogelsbergkreis, offiziell den Startschuss für ein Projekt gegeben, das die Kreisstadt und die gesamte Region nachhaltig voranbringen soll.

„Unsere Hochschule soll wie ein Konjunkturmotor wirken“, wünscht sich Nobert Jäger. Der 60-Jährige ist einer der maßgeblichen Initiatoren der Hochschule und ein Unternehmer durch und durch. Vor knapp drei Jahren hatte der Gründer von Duo-Plast, dem weltweit erfolgreichen Hersteller von Stretch- und Verpackungsfolien, neue berufliche Wege mit der Gründung einer Unternehmensberatung, der Alpha GmbH, eingeschlagen. Sich weiter für die Region zu engagieren, hatte er damals angekündigt und Wort gehalten. Vor gut zwei Jahren kaufte Jäger das seit Ende 2011 leer stehende alte Amtsgerichts-Gebäude, um darin eine Hochschule zu etablieren. Von der Idee bis zur Umsetzung war ein langer Weg. Mit Rückschlägen, die das Projekt fast zum Scheitern gebracht hätten, erinnert sich Jäger. Denn nachdem die zunächst geplante Kooperation mit der Technischen Hochschule Mittelhessen am Widerstand der FH Fulda gescheitert war, mussten neue Lösungen her. Die mit dem neuen Partner Steinbeis-Universität gefunden wurden.

„Zwischenzeitlich haben wir auch andere Möglichkeiten der Gebäudenutzung erwogen“, verrät Jäger. Etwa, hier ein Hotel zu bauen, in dem auch größere Reisegruppen untergebracht werden könnten. „Mindestens zehn verschiedene Entwürfe gibt es“, sagt Stephan Mölig, der nicht nur Fördervereinsvorsitzender ist, sondern auch der von Jäger beauftragte Architekt. Nachdem klar war, dass das Projekt Hochschule funktionieren würde, entschieden sich Jäger und Mölig für eine „Mischnutzung“ des ehemaligen Amtsgerichtes. Das bedeutet, dass im dreigeschossigen Gebäude nicht nur der Lehrbetrieb abgehalten wird, sondern dort auch Büroräume und vier Wohnungen untergebracht werden.

Der Hochschulbetrieb wird laut Plan im Erdgeschoss sowie im Gebäudeteil „ehemaliger Verhandlungssaal“ stattfinden. „In den ersten drei bis fünf Jahren wird eine Studentenzahl von 90 bis 100 angestrebt. Bis zu 400 können hier insgesamt übers Jahr unterrichtet werden“, ist Norbert Jäger überzeugt, da die Studiengänge durch den hohen Praxisanteil in den Unternehmen so angelegt seien, dass ein versetzter Unterricht der Semester möglich ist.

Im Erdgeschoss sollen unter anderem ein Empfang, Dozentenräume und Räume für Gruppenarbeiten und Vorlesungen entstehen. Aus dem bisherigen großen Sitzungssaal wird ein Hörsaal. „Selbstverständlich erhalten bleibt das denkmalgeschützte Tryptychon des Lauterbacher Malers Tergreve“, versichert Jäger. Mit dem Landesamt für Denkmalpflege habe man sich geeinigt, dass der Sitzungssaal entkernt und das Gemälde „verkoffert“ werden dürfe. Das ist bereits geschehen. Und wie Jäger und Mölig ankündigen, solle das Kunstwerk nach den Arbeiten auch wieder sichtbar sein, „auch wenn das Bild Geschmackssache ist“, wie Jäger findet.

Große Pläne gibt es für die oberen Stockwerke.

Im ersten Obergeschoss entstehen Büroräume. Im zweiten Obergeschoss entstehen zwei helle, großzügige Wohnungen von jeweils rund 117 Quadratmetern, im Dachgeschoss zwei Penthauswohnungen mit jeweils über 100 Quadratmetern, die eine komplette Glasfront und einen Rundum-Balkon bekommen werden. Das alte Satteldach des Hauses soll einem gläsernen Flachdachaufbau weichen. In Richtung Altstadt wird das Dachgeschoss eingerückt, damit eine großzügige Dachterasse entstehen kann. „Alle Wohnungen und Büros sind mit einer Loggia samt aufklappbarer Glasfront versehen und bieten einen herrlichen Blick auf Lauterbach“, kündigt Mölig an.

Im neuen Gebäude wird insgesamt viel Glas verbaut, das Haus wird ein „moderner Stadtbaustein, durch den Lauterbach gewinnt“, ist Norbert Jäger überzeugt.

Aufgestockt werden soll der Gebäudeteil, in dem sich der alte Sitzungssaal befindet. Hier werden drei kleinere Appartements (je 40 Quadratmeter) entstehen – „für Singles oder als Kurzzeitwohnungen zu mieten“, wie Jäger erklärt. Sollte es nötig sein, könnten in diesem Bereich auch weitere Hochschul- oder Büroräume entstehen.

Aufgestockt wird auch die hier bereits vorhandene Verbindungsbrücke, damit künftig die beiden Gebäudeteile auch über das zweite Obergeschoss miteinander verbunden sind.

Verändert wird zudem das Treppenhaus, wie Mölig erklärt. Das erste und zweite Obergeschoss werden durch eine neue Deckenplatte voneinander abgetrennt. Die alte Treppe führt künftig nur noch bis in den ersten Stock, eine neue Treppe wird ins zweite Obergeschoss und Dachgeschoss führen und auch dafür sorgen, dass die Bewohner vom Hochschulbetrieb abgetrennt sind. Außerdem wird ein Aufzug eingebaut, der das Gebäude vom Keller bis unters Dach barrierefrei erschließt.

„Energetisch soll das Gebäude auf den neuesten Stand gebracht werden“, betont Jäger, der eine komplett „autarke Energieversorgung“ anstrebt. Per Erdwärme soll künftig geheizt werden, Solarzellen sind für die Erwärmung des Brauchwassers vorgesehen, der übrige Strombedarf soll per Photovoltaikanlage gewährleistet werden. „Ziel ist ein Nullenergie-Haus, das den Passivstandard weiterführt“, betont Architekt Mölig.

Insgesamt rund 2700 Quadratmeter umfasst das Grundstück des ehemaligen Amtsgerichtes samt großzügiger Park- und Grünfläche rundherum. Zum 1. April des kommenden Jahres werden die ersten Studenten kommen, ab Herbst werden die Wohnungen und Büros bezugsfertig sein, „Interessenten gibt es bereits“, berichtet Jäger und stellt klar, dass die Wohnungen keine Eigentums-, sondern ausschließlich Mietwohnungen sein werden.

Mindestens drei Millionen Euro investiert Norbert Jäger in dieses Bauvorhaben, das, wie er betont, seine private Initiative sei. Und er freut sich auf sein Projekt: „Nach der Sanierung ist das alte Amtsgericht eines der attraktivsten Gebäude in Lauterbach.“

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